Lost Places #2

Essay  ·  Ruinen & Wun­der

Der Zug der Verlassenen

- An ver­lore­nen Orten und warum wir sie nicht ganz in Ruhe lassen kön­nen

Es gibt eine beson­dere Lichtqual­ität in einem Gebäude, das sich seit Jahrzehn­ten über­lassen bleibt. Es kommt in falschen Winkeln durch Fen­ster, die von Efeu halb block­iert oder in mat­te Dunkel­heit geris­sen sind, und es fällt auf die Dinge — ein KindS Schuh, ein 1987 einge­froren­er Kalen­der, ein Flügel, der sich langsam in den Die­len auflöst — mit ein­er Art gle­ichgültiger Anmut. Nie­mand hat dies arrang­iert. Nie­mand hält die Wirkung aufrecht. Und doch hält es dich an, wo du stehst.

Dies ist vielle­icht der Beginn ein­er Antwort darauf, warum ver­lorene Orte den Zug ausüben, den sie aus­führen. Wir sind, den größten Teil unseres Lebens, von Räu­men umgeben, die sind gemeint — Ent­wor­fen, kuratiert, erk­lärt. Der Ver­lassene wider­ste­ht all dem. es ein­fach ist, in einem Zus­tand, der nie beab­sichtigt war, sam­melte sich die Atmo­sphäre an, wie altes Holz Ringe ansam­melt. Ob es etwas Unbekan­ntes bei der Arbeit gibt — einige Reste des Lebens, die einst in diesen Mauern gelebt haben, etwas, das nicht voll­ständig zer­streut wurde -, ist eine Frage, die wahrschein­lich am besten offen bleibt. Nicht alles, was sich wie eine Präsenz anfühlt, muss ratio­nal­isiert wer­den.

Stadt­forsch­er, die selb­ster­nan­nten Urbex Gemein­schaft, haben eine ganze Sub­kul­tur rund um die Jagd gebaut. Sie recher­chieren obses­siv — Querver­weise auf Satel­liten­bilder, alte kom­mu­nale Aufze­ich­nun­gen, gemurmelte Tipps ander­er Ent­deck­er — und dann gehen sie oft ille­gal, immer vor­sichtig an Orte, die einges­per­rt oder abgeschrieben wur­den. Einige reisen inter­na­tion­al für ein einziges Gebäude. Eine still­gelegte sow­jetis­che Radaran­lage in Let­t­land. Ein Tuberku­lose-Sana­to­ri­um in den japanis­chen Bergen, dessen Kor­ri­dore immer noch mit Patien­te­nak­ten aus­gek­lei­det sind. Ein Hotel im kon­gole­sis­chen Dschun­gel, in dem die Ball­saaldecke zu einem hän­gen­den Garten gewor­den ist. Die Län­gen, zu denen die Men­schen gehen, sind in irgen­dein­er gewöhn­lichen Maß­nahme unvernün­ftig. Aber dann wur­den gewöhn­liche Maß­nah­men nicht wirk­lich mit Wun­der ent­wor­fen.

Wun­der­land, Peking —  Ein halb gebauter The­men­park, der in den 1990er Jahren in der Mitte des Baus aufgegeben wurde, dessen Schloss wie ein halb erin­nert­er Traum aus Getrei­de­feldern auf­taucht

Kol­man­skop, Namib­ia —  Eine dia­mant­beeilte Stadt schluck­te an den Fen­ster­bänken durch die vor­rück­ende Namib-Wüste; Zim­mer mit Sand bis zur Decke getrieben

Hashima Island, Japan —  eine konkrete Off­shore-Stadt, einst der am dicht­esten besiedelte Ort der Erde, ver­siegelte und ver­ließ 1974; Der Seewind erledigt den Rest

Buzludzha, Bul­gar­ien —  Ein riesiges kom­mu­nis­tis­ches Denkmal auf einem Berggipfel, dessen Mosaike sich aus dem Dom-Innen­raum schälen, die für einen Großteil des Jahres in der Wolke einger­ahmt sind

Das Salto Hotel, Kolumbi­en —  Ein Belle Époque Resort neben einem Wasser­fall, kurz umge­baut in eine psy­chi­a­trische Ein­rich­tung, dann ein­fach geschlossen; Der Wasser­fall geht trotz­dem weit­er

 

Was diese Orte teilen, ist nicht um ihrer selb­st willen, son­dern eine Art aus­ge­set­zte Zeit — das Gefühl, dass etwas eher unter­brochen als abgeschlossen wurde. Wir sind anscheinend nicht zu Endun­gen, son­dern zu Ellipsen gezo­gen. zum Frageze­ichen am Ende eines Kor­ri­dors. Zur Treppe, die zu ein­er Tür führt, die nicht mehr zu etwas führt, was man nen­nen kann.

Vielle­icht besuchen wir Lost Places, weil der Rest der Welt zu gründlich erk­lärt wird. Oder vielle­icht glauben wir halb, ohne es ganz zuzugeben, dass noch etwas da ist — wartend, gle­ichgültig, ob wir es find­en oder nicht.